Designer und Professor für Industrial Design an der TU München.
Prof. Fritz Frenkler: "Design hat den Menschen im Fokus. Wir vertreten sozusagen die Notwendigkeit für den Menschen, die Dinge unter anderem auch bedienen zu können." © Auerberg Produkte GmbH

Welche Aufgaben müssen Designer heute erfüllen? Ein Gespräch mit Prof. Fritz Frenkler, Designer und Professor für Industrial Design an der TU München.  

Sie bezeichnen den Designer als wichtigsten Beruf für die Zukunft?

Nimmt man Marketing, Management, Ingenieurwesen und Design, dann arbeitet der Ingenieur daran, Dinge zu vereinfachen und produzierbar zu machen, das Marketing hat nichts anderes im Sinn, als Produkte zu verkaufen, und das Management muss sehen, dass das alles läuft, also: Personalkosten runter, Produktionskosten runter, Produktionszeit runter … Design hat – fast als einziges davon – den Menschen im Fokus. Wir vertreten sozusagen die Notwendigkeit für den Menschen, die Dinge unter anderem auch bedienen zu können. Wenn wir uns nur am Umsatz orientieren, ist das fatal. Dann sind die Dinge auch nicht verkäuflich, es sei denn, man betrügt den Kunden, das wird leider ja oft genug getan. Deswegen ist Gestaltung ein Kernelement der Industrie.  

„50% der Produkte, die wir entwickeln, sind Flops“  

Nachhaltigkeit ist auch eine Designaufgabe?

Das Nachhaltigste ist natürlich, dass wir nicht jedes Produkt brauchen. Nachweislich sind, grob kalkuliert, 50 % der Produkte und Dienstleistungen, die wir entwickeln, Flops. Sie werden von den Menschen nicht angenommen und verschwinden schnell wieder. Man müsste wissen, was ein Flop wird, bevor wir anfangen. Wir müssen Produkte verhindern, nicht nur Produkte gestalten – und das auch als Designer bezahlt bekommen. Damit ließe sich schon ein großer Teil der notwendigen Nachhaltigkeit erreichen. Mit meinen Studierenden bin ich gerade dabei, das voran zu treiben und dazu Parameter zu entwickeln.  

Ein Beispiel dazu?

Mit der TU München (TUM) führen wir ein großes Projekt in Singapur durch. Jetzt sollten wir E-Transporter entwickeln, die die Waren von den Verteilzentren in die Läden liefern. Doch zuerst stellt sich die Frage nach dem Problem dahinter. Bei unseren Untersuchungen fiel uns auf, was wohl für fast alle Metropolen gilt: Nachts fahren keine U-Bahnen. Warum fahren sie da dann keine Waren? Das wäre für mich Innovation. Wir brauchen keinen Kugelschreiber im Weltraum, wenn wir den Bleistift schon erfunden haben! Diese Einfachheit, Reduziertheit ist ein wichtiger Beitrag für Nachhaltigkeit. Doch das erfährt man nur über konsequente Forschung.  

Die Herausforderung für Designer: Systeme in Frage zu stellen  

Wird denn diese Funktion des Designs von den Unternehmen erkannt?

Das ist noch eine Aufgabe. Aber Unternehmen erkennen langsam, dass der Entwicklungsprozess mit dem Designer ein anderer zu werden hat. Wir waren gesellschaftlich schon viel weiter und sind dann über Geschmack und das Malen schöner Bilder in Regionen gekommen, wo das Marketing sagte: „Schön, dann sagen wir mal, was Ihr machen müsst. Wir kennen den Wettbewerb, wir kennen den Markt …“ Bloß, warum erzeugt das dann zu 50 % Flops?  

Neue Objekte zu entwickeln, erfordert heute so viel Geld, dass lieber Bestehendes optimiert wird. Das ist zum Teil auch innovativ, doch wir stellen die Systeme nicht mehr in Frage. Das ist aber die Herausforderung für die Gestalter: Ist das noch richtig, was wir hier machen? Lässt es sich nicht einfacher und umweltfreundlicher lösen?  

Wir müssen Moderatoren werden für gesellschaftliche und industrielle Veränderungen. Designer meinen noch immer, sie müssten „Schönes“ schaffen, daran krankt das Designverständnis. Die formalästhetische Herausforderung ist längst erledigt, das machen wir am Wochenende. Entscheidend sind die Anwendung und die Notwendigkeit des Produkts. Und: Wie, wo und mit wem kann man produzieren?  

Genau hinsehen und beobachten  

Beim Universal Design geht es um den Nutzen aller Anwender. Wird dieser Ansatz von den Auftraggebern auch wahrgenommen?

Universal Design muss Bestandteil jeder Entwicklung sein. Ein Badezimmer, das für einen alten Menschen funktioniert, muss auch für junge Menschen funktionieren. Die klassische Definition nach Zielgruppen funktioniert doch längst nicht mehr. Aber das Marketing hat da nichts dazugelernt. Man muss genau hinsehen und beobachten. Das ist eine Herausforderung, die wir wieder lernen müssen – und auch in die Unternehmen hineintragen.  

Sie haben ein Büro in Kyoto. Japanisches Design ist durch Reduktion gekennzeichnet. Ein Vorbild auch für Nachhaltigkeit?

Ich bin überzeugt, dass diese Reduktion Ausgangspunkt für die erste Moderne war, dass Gropius, Mies van der Rohe sich daran orientiert haben. Nach dem 2. Weltkrieg hat Japan diese Identität negiert, wollte es allen recht machen. Das verändert sich gerade wieder, obwohl es immer dieses andere, klassische japanische Denken und Design gegeben hat. Ich sage immer: Japan war reich, als es arm war. Vielleicht ist diese „Armut“ eine Notwendigkeit. Satte Gesellschaften sind selten in der Lage, grundsätzlich Neues zu schaffen. Also: Sei Japaner!  

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Prof. Fritz Frenkler (f/p design) leitet den Lehrstuhl für Industrial Design der Technischen Universität München. Nach dem Studium arbeitete er viele Jahre für frogdesign in Deutschland und den USA, etwa für Apple, AEG, Sony, Louis Vuitton. Ab 1986 verantwortete er den Aufbau und leitete frog design Asien in Tokio und Taipeh, führte die Wiege Wilkhahn Entwicklungsgesellschaft und war Design-Chef der Deutschen Bahn. Mit Anette Ponholzer gründete er 2000 die f/p design deutschland gmbh, 2003 f/p design japan inc. Frenkler erhielt zahlreiche internationale Designpreise und ist Regional Advisor des ICSID.


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